Energie neu denken

Ausgabe vom 06.02.2020

Handelsblatt

Wir alle sind abhängig. Wie sehr, das merken wir, wenn das böse Wort Blackout die Runde macht. Die Vorstellung, länger ohne Strom auskommen zu müssen, verängstigt uns. Veränderungen bei der Energieversorgung begegnen viele Verbraucher daher mit Skepsis. Können Wind und Sonne uns tatsächlich so stabil versorgen wie Atom- und Kohlekraftwerke? Bis jetzt hat der zunehmende Anteil von Erneuerbaren in unserem Stromnetz nicht dazu geführt, dass häufiger die Lichter ausgehen. Im Jahr 2018 verzeichnete die Bundesnetzagentur nur 13,91 Minuten Stromausfall pro angeschlossenen Letztverbraucher. Das ist weniger als ein Jahr zuvor, als es noch 15,14 Minuten waren. Wind und Sonne können in Verbindungen mit Technologie also einiges leisten. Doch die Energiewende muss weiter voranschreiten und sogar forciert werden, wenn wir die CO2-Emissionen drastisch verringern und Klimaschutzziele erreichen wollen. Dabei türmen sich unendlich viele Fragen auf: Welche Technologien helfen uns, die Wende zu schaffen? Was bringt uns das neue Klimaschutzgesetz? Wie schaffen wir CO2-Einsparungen auch im Wärme- und im Verkehrssektor? Eine Reihe von Antworten wollen wir Ihnen in dieser Ausgabe liefern. Viel Spaß beim Lesen!

Strom hui, Wärme pfui

Im vergangenen Jahr sind die CO2-Emissionen in Deutschland um mehr als 50 Millionen Tonnen gesunken – das ist ein Rückgang von sieben Prozent gegenüber 2018. Das geht aus einer Studie des Thinktanks Agora Energiewende hervor. Den Grund sehen die Experten im zunehmenden Anteil des Stroms aus Erneuerbaren Energien. Erstmals erzeugten Wind-, Wasserkraft, Solarstrom- und Biogasanlagen mehr Strom als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen. Ausschlaggebend waren gestiegene Preise für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel. Dadurch verlor der Strom aus fossilen Kraftwerken gegenüber den Erneuerbaren seine Wettbewerbsfähigkeit. So sackte die Stromerzeugung von Steinkohlekraftwerken um 31 Prozent ab, die von Braunkohlekraftwerken brach um 22 Prozent ein. Allerdings: Im Wärme- und im Verkehrssektor kann von Wende noch keine Rede sein. Dort stieg der Verbrauch von Erdgas, Heizöl, Benzin und Diesel sogar gegenüber dem Vorjahr.